Wer nun ein laues Lüftchen im Rotweinglas erwartet, irrt gewaltig. Der Lagrein präsentiert sich als warmherziger Italiener voller Abwechslung und Überraschungen. Das tiefdunkle Rot überzeugt schon auf den ersten Blick, gefolgt von einem gewinnenden Aroma in der Nase von Waldbeeren, reifen Kirschen und Veilchen. Schon jetzt sind die Gedanken an karge Alpenfronten und Schnee verflogen. Der füllige und crèmige erste Schluck bringt einen dann vollends in die warmen und blühenden Hänge dieser reichhaltigen Region und lässt die Sonne auf dem Gaumen tanzen.
Die Überraschung geht ohne Unterbruch weiter, so bietet der Lagrein eine elegante Würze von Lakritze, Schokolade bis hin zu Vanille. Und dennoch können wir uns nicht ganz von den tiefen Schluchten, dichten und dunkelgrünen Wäldern trennen. Denn der Lagrein begleitet die typischen Speisen dieser Region meisterlich, fast schon beschützend. So passen die Weine aus der Rebsorte Lagrein perfekt zu hiesigen Wildgerichten und deftigen Speisen wie Gnocchi con ricotta affumicata, aber eben auch zu einem Aperitivo mit einem herzhaften Plättchen aus Trockenfleisch und Hartkäse.
Schon fast sinnbildlich für diese Region, gibt sich der Lagrein mit nur einer Widrigkeit nicht zufrieden. So war die Rebsorte in den 70er-Jahren so sehr in Vergessenheit geraten, dass sie schon fast als ausgestorben galt. Erst in den 90er-Jahren kam man wieder auf diese als autochthon (heimisch) geltende Rebsorte Südtirols zurück. Winzer der Region verschrieben sich dem Qualitätsanbau und nicht der Menge. So kultivierte man die Rebsorte nur noch an besten Lagen, hegte und pflegte sie, reduzierte dabei den Ertrag. Sodass die besten und stärksten Trauben den vollen Geschmack und die Überraschung in die Flaschen der Winzer brachten. Seither und durch einen überzeugenden Fokus auf Qualität gewinnt die Rebsorte Lagrein zunehmend an Beliebtheit.
Ein Vertreter dieses historischen Wandels ist das Weingut Baron di Pauli mit einer über dreihundert Jahre alten Geschichte, geprägt von Respekt und traditioneller Qualität. Man machte sich sogar einen Namen als Lieferant der Kaiser und Zaren. Die händische Arbeitsweise und die Reduktion auf
das absolute Minimum im Ertrag folgen auch hier der festen Überzeugung, den Fokus des Lagreins auf Qualität und charaktervolle Weine zu legen. Auf diesem Weingut scheint die Zeit nicht nur stillzustehen – infolge der alten Tradition steht sie im Weinberg wie auch im Weinkeller tatsächlich fast still. Denn erst wenn die perfekte Reife erreicht ist, wird geerntet, und mit der gleichen Überzeugung gibt man dem Wein die nötige Reifezeit – für eine dreiwöchige Maischegärung im Holzbottich und den anschliessenden Ausbau während 14 Monaten im Barrique. Gerade in den kälteren Jahreszeiten mit den vollmundigen Gerichten ist es eine wahre Freude, ein Glas Carano Riserva von Baron di Pauli zu trinken, in welchem die Sonne Südtriols gespeichert ist.
Chin-chin.

Baron di Pauli – Carano Riserva, 2020.
Erhältlich bei: walhalla-weine.ch
